Epinephrin

Unerbittlich tickt tackt
tickt Zeit metallisch kühl am Schläfenlappen.
Tapp-tapp tapp-tapp verfolgt ihn
sein Herz, überschlägt, setzt aus, ganz plötz-
C9 H13 NO3
schießt heiß und kalt ins Blut.


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Früher oder später

Sie starrt auf ihre Zehen. Zehn kirschrote Punkte verschwimmen vor ihren Augen. Sie sitzt auf dem Badewannenrand, es ist Morgen und sie sitzt dort, in ihrem dünnen Nachthemd, und starrt auf ihre Zehen, bis die Bilder beider Augen sich verschieben und überlagern und es nicht mehr zehn Zehen sind, sondern mehr. Oder weniger.
Aus der Küche ertönt ein Pfeifen. Kaffeegeruch strömt unter der Tür hindurch, Geschirr klappert, wie jeden Morgen. Dieses Pfeifen. Sie hat das mal geliebt. Später gehasst. Jetzt sitzt sie hier und starrt auf ihre Zehen. Im Augenwinkel sieht sie die blaue Flamme am Boiler. An. Das Muster der Fliesen unter ihren Füßen beginnt zu flimmern. Aus. Marmorimitat. Das Pfeifen nähert sich jetzt der Tür, drückt sie auf, sie war nur angelehnt, und geht zum Waschbecken. „Liebes, wo ist denn mein Rasierapparat?“, fragt es. Sie blickt nicht auf. Zuckt unmerklich mit den Schultern. „Ich hab ihn doch gestern noch benutzt. Und genau dort hingelegt!“ Er zeigt auf den leeren Fleck zwischen Fön und Zahnbürstenglas. „Wie immer!“ Sie wackelt mit dem Zeh. Der Zeigezeh ist länger als der große Zeh. „Weiß nicht“, hört sie sich sagen. „Ach, ich hab ja noch den alten Nassrasierer.“ Hat er ihr gerade zugezwinkert? Sie kann das nicht genau sagen, sie sieht ihn nicht richtig. „Damit wird’s eh gründlicher“, sagt er. Er hatte mal einen Dreitagebart gehabt. Früher. Am Morgen erinnert er sie noch an früher. Vorm Rasieren.
Er streicht ihr durch das lange Haar. „He, meine Schöne, träumst du noch?“ „Wie?“, sie sieht zum Boiler. „Nein nein.“ An. „Ich muss jetzt los.“ „Ja.“ „Bis später dann, ich liebe dich!“ Aus. Sie blickt wieder auf ihre Zehen. „Ja.“ Aber er ist schon im Flur. Der Wasserhahn tropft. Er hat ihn wieder nicht richtig zugedreht. Sie hört, wie er seine Jacke vom Haken nimmt, den Schlüsselbund vom Bord unter dem Spiegel. In dem überprüft er sicher gerade sein Aussehen, ein letztes Mal. Das tut er immer, bevor er aufbricht. Sie kennt ihn inwendig. Und auswendig. Seine Außenwände sind flächiger als die Innenwände. Das Pfeifen verstummt mit dem Zuschlagen der Tür.
Aus der Falte ihres weißen Nachthemdes zieht sie das Gerät, das ihre Hand die ganze Zeit umschlossen hielt. Sie hält es über Kopf. Klicken. Sonores Brummen. Strähne um Strähne ihres blonden Haares fällt in die Badewanne. Sie blickt auf. Die Fliesen fühlen sich kalt an unter ihren Füßen. Sie weint. Zieht sich an. Geht.


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Blind

Über ihr - Dunkel
Vereinzelt durchdrungen von fremden Geräuschen.
Um sie - Dunkel
Mit Zweigen, die sie streifen wie Hände.
Unter ihr - Dunkel
Geräuschvoll, wie knackende Knochen.
Schneidend kalte Luft, die auf einmal - dunkel - ist.

Es kommt ihr vor, als sei niemand da.
Leere
Oder lauert da jemand?
Stille, nichts als Stille.
In ihrem Kopf und um sie
Beängstigend
Was erwartet sie?
Blind durch den Wald
Wald ist Leben.
Blind durchs Leben?






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